Horst Lohse erhält den Friedrich-Baur-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste für Musik

friedrich-baur-medailleQuelle: http://www.br.de/franken/inhalt/aktuelles-aus-franken

Am 8. Dezember 2012 würdigten die Bayerische Akademie der Schönen Künste und die Friedrich-Baur-Stiftung den Komponisten Horst Lohse mit dem Friedrich-Baur-Preis in der Kategorie Musik.

 

 

 

 

 

 

Michael Herrschel:
Der fließende, befreite Klang. 
- Laudatio für Horst Lohse -

Lieber Herr Professor Borchmeyer, liebe Festversammlung,

heute schließt sich ein Kreis. Ich erinnere mich genau: Am Cäcilientag 2008, nach der Verleihung der Baur-Preise, streune ich durch das Foyer des Nürnberger Theaters „Pfütze“ und werde unver­hofft einem Komponisten vorgestellt. Sein Name ist Horst Lohse. Mitten im Gewühl der Menge, im Klingen der Gläser, im summenden Bienenstock von lauter kreativen und gesellschaftlich aktiven Menschen gelingt es uns, aufeinander zu horchen, die Stimme des anderen herauszufiltern. Wir sind beide neugierig: er auf meine Texte, ich auf seine Musik.

Also verabreden wir uns. Ich bitte ihn brieflich um Partituren, um Aufnahmen. Wir sehen uns wieder, ich habe viele Fragen, und mir gefällt seine leise, sich in Geschichten verzweigende Art des Antwortens. Je mehr ich von ihm kenne, umso stärker fasziniert mich seine Fähigkeit, im entschei­denden Augenblick Umwege zu machen, seine Bereitschaft, unbekanntes Terrain zu betreten.

Denn jedes neue Werk ist ein Abenteuer. Vielleicht stecken auch hinter jedem die Bruchstücke eines ungeschriebenen Romans? Das kann sein, lacht er und beginnt zu erzählen: von seiner Zeit als junger Geiger, von einer sehr aufregenden Tournee, einer Höllenfahrt mit dem Autobus an der Bis­kaya-Küste bei dichtem Nebel. Ach, wie er da ums nackte Leben zitterte, bis der Schleier der Äng­ste zerging vor dem südlichen Licht Spaniens: Das kam über ihn, das traf ihn ins Herz wie die Spra­che dieses Landes, die Sprache von Federico García Lorca, die er begierig aufsog, um sein erstes großes Werk zu schaffen, die oratorischen „Cantos sinfónicos“ mit ihren harten, spröden Orchester­klängen und ihrer scharfen Stimmdeklamation: Beides stellt er nebeneinander in mächtigen Blö­cken, die am Ende zu Staub zerfallen und vom Wind verweht werden.

Die Mythen der mittelmeerischen Welt reizen den Komponisten Horst Lohse zu beständiger Auseinandersetzung, vom Quartett „La morte d’Orfeo“, einem Auftrag für Hans Werner Henzes Festival in Montepulciano, über den markerschütternden sinfonischen Essay „Sisyphos“ (in memo­riam Albert Camus) bis hin zu den virtuos gezeichneten „Odyssee-Portraits“ für solistische Blasin­strumente. So baut er sich ein Gehäuse aus Klang und Licht, denke ich mir – und siehe da: auch das reale steinerne Haus, in dem er seit elf Jahren mit seiner Frau Sabine lebt, hat von außen betrachtet die Farbe eines wolkenlosen Himmels.

Wir gehen hinein. Horst Lohse holt ein Album aus dem Keller. Ich möchte seine erste Fotografie sehen. Kulmbach, 1943: Ein Birnbaum füllt den Hintergrund des winzigen Bildes aus. Oberhalb des Randes ist das Fenster eines Kinderzimmers anzunehmen. Dort, sagt er, habe ich später Geige ge­lernt. Aber noch ist es nicht soweit. Das Bild zeigt nur ein stummes Baby auf dem Arm der Groß­mutter. Dahinter den Zaun, dahinter den Baum, dahinter das Haus. Und hinter diesem erhebt sich unsichtbar die alte Festung, die Plassenburg, deren Uhrturm zwei Jahre später in Schutt und Asche sinkt, ehe die Stadt kampflos von den Amerikanern befreit wird. Die englische Sprache als Sprache der Befreier ist für Horst Lohse wie für viele seiner Generation zum selbstverständlichen Teil seines Denkens geworden. Sie hat ihn später zu Werktiteln angeregt, die in knapper Form Auskunft über seine musikalische Ästhetik geben: „Imaginations“ – Phantasien, „Lyrics“ – Musik als poetisch konzentrierter Text, „Transitions“ – Übergänge, Verwandlungen, oder, ganz typisch: „Floating for strings“ – schwebende, gleitende, schwerelose Visionen, die er seinem eigenen Streichorchester auf den Leib schrieb.

Woher aber nahm er von früh auf den Mut zu seinem fließenden, befreiten Klang? Wie lernte und erweiterte der introvertierte, rebellische Knabe, als den er sich in der Erinnerung beschreibt, sein musikalisches Vokabular? Er verschlang alles, was er an Noten und Texten zur Musik bekom­men konnte, und: Er schaltete den Radioapparat ein. Mit großer Selbstverständlichkeit schärfte er lange vor dem Studium sein Ohr für die Möglichkeiten der Moderne. Noch heute ist er dem Rund­funk dankbar, der sich damals uneingeschränkt zu seinem kulturellen Auftrag bekannte und Unge­wohntes zur besten Sendezeit präsentierte.

Noch eine weitere Prägung ist entscheidend für Horst Lohse: Die Doppelexistenz als bildender Künstler und Musiker. Lange schwankte er zwischen diesen Berufungen. Dann begann er, in der Musik mit bildnerischen Fragen zu experimentieren: Wie klingt die Unendlichkeit und Unergründ­lichkeit eines Nachthimmels? Wie das Licht seiner flackernden Sterne? Was verraten uns die rauhe Stofflichkeit einer Baumrinde oder die Maserung von geschnittenem Holz über die Baupläne der Natur?

Das Leben selber, wenn wirs in die Hand nehmen, ist das größte, vielschichtigste Kunstwerk, oder anders gesagt: eine Partitur mit verschiedensten Systemen, die sorgsam und liebevoll aufeinan­der abgestimmt sein wollen. Horst Lohse hat in diesem Sinn viel gewagt, viel geschafft und viel ge­schaffen in seinem Leben, als Komponist, Interpret, Veranstalter, Kurator und Pädagoge. Das alles gehört zusammen. Als er mit Bravour an der Würzburger Musikhochschule die Meisterklasse von Bertold Hummel absolviert hatte, arbeitete er mit Feuereifer an seinen Partituren und griff zeitgleich seinen Brotberuf wieder auf, zum Segen vieler Jahrgänge von Kindern, die er in Musik-Modellklas­sen unterrichtete. Mit beharrlicher Arbeit etablierte er ein Festival und einen Förderverein für Neue Musik in Bamberg, und bis in die jüngste Zeit sind ihm hier die entscheidenden Impulse zu verdan­ken. Ebenso kontinuierlich hat er sich bei den Jeunesses Musicales als Kompositionsdozent enga­giert. Nicht zuletzt – hier kommt wieder die Bildende Kunst ins Spiel – betreut er noch heute in auf­opferungsvoller Weise gemeinsam mit seiner Frau den Nachlaß seines Schwiegervaters, des Malers und Grafikers Caspar Walter Rauh, der heuer hundert Jahre alt geworden wäre und seit einiger Zeit als wichtiger Vertreter des Phantastischen Realismus wiederentdeckt wird.

Horst Lohse hat so vieles gemacht und ermöglicht, was andere schier aufgefressen, oder ihnen zumindest keinen Raum mehr zum eigenen Schaffen gelassen hätte. Aber: „denen’s dann noch will gelingen, ein schönes Lied zu singen, seht: Meister nennt man die!“ Horst Lohse ist ein solcher Meister, und sein musikalisches Œuvre umfaßt bis dato praktisch alle Gattungen, von der Klavier- und Kammermusik bis hin zu Bühnenwerken.

Vor vielen Jahren schon gewann er mit seinem Tanztheaterstück „Die Abenteuer des schönen Mahan“ einen Wettbewerbspreis: wegen der gestischen und szenischen Qualität seiner Musik, we­gen seines Gespürs für körpersprachliches Timing, für die Kunst des Übergangs von einer Position und Situation zur nächsten.

Trotz alledem hat sich für ihn noch kein Auftrag zu einer Oper ergeben. Abwartend bereitet er etwas vor. Gemeinsam mit seinem Librettisten läßt er eine Kammeroper langsam heranwachsen: „Sabelita“, ein Spiel über die alte Rivalität von Poesie und Regie, eine Parabel über das Liebhaben und das Loslassen. Die Poesie erschafft sich Figuren, aber die Regie macht sie ihr abspenstig und zieht mit ihnen auf und davon. Eifersüchtig beschließt die Poesie, sich einzumischen in die Ge­schichte, die ohne ihr Wissen weitererzählt wird. In wechselnden Gestalten taucht sie auf, um ihre Heldin zu beschützen: Und diese Heldin ist Sabelita, ein Waisenkind, aufgewachsen in einem Klo­ster, und dann ausgerissen, geflohen über Stock und Stein in die Welt hinaus.

Die Poesie schlüpft in die Rolle der Mutter Oberin, die schon ihr ganzes Leben lang nach Sabeli­ta sucht. Jetzt hockt sie alt und blind in ihrem Garten, hört die Stimme eines kleinen Vogels. Ist das ein Bote von Sabelita? Ist sie es gar selber? Sie weiß es nicht. Sie hat auf einmal, in diesem fremden Körper, Angst vor dem Sterben. Aber sie erlebt eine Verwandlung. Die Poesie ist unsterblich, so wie die Regie unsterblich ist, und wenn sie verstummt und unsichtbar wird, so kann es immer ge­schehen, daß sie noch einmal wiederkehrt, als eine ganz Andere. Auch ich verstumme jetzt: Gestat­ten Sie, daß ich mich zurückziehe in die Worte der nachher folgenden Szene – nicht aber ohne vor­her Horst Lohse und alle, die ihn heute ehren, von ganzem Herzen zu beglückwünschen.

Copyright © Michael Herrschel 2012